Nachfolgepsychologie

Die Nachfolgeregelung ist nicht nur eine grosse kaufmännische, sondern auch eine emotionale Herausforderung.
Im nachfolgenden Artikel wagen wir einen Blick unter die Oberfläche und erlauben uns, unsere Leser auch ein wenig zu provozieren.
Unternehmer sind in der Regel Schlüsselfiguren, die ihren Betrieb über viele Jahre hinweg geprägt haben. Sie passen zu ihrem Unternehmen wie ein Schlüssel ins Schlüsselloch. Daraus ergibt sich aber das Problem, dass nur eine originalgetreue Kopie dieses “Schlüssels” in der Lage ist, das Unternehmen in seinem Sinne fortzuführen.
Änderungen am “Schlüsselloch” stellen nicht nur die bisherige Konzeption des Unternehmens, sondern in vielen Fällen auch die grundsätzliche Lebensarchitektur des Seniors und damit sein Lebenswerk und sein Selbstverständnis in Frage.

Ausharren wollen
Das persönliche Schicksal des Eigentümers wird häufig mit dem des Unternehmens gekoppelt. Befragte begründen ihre Haltung mit der Absicht, auf ihrer Position und in ihrer Funktion ausharren zu wollen, bis der Nachfolger in seine Rolle “hineingewachsen” ist. Diese Argumentation klingt zwar plausibel, demaskiert sich aber durch die Tatsache, dass in allen untersuchten Betrieben die Nachfolger bereits älter waren als die befragten Unternehmer bei ihrem Start.

Geheime Ängste
Was hemmt den Generationenwechsel? Es sind meist Ängste, über die man nicht spricht, insbesondere
▪   vor Machtverlust,
▪   davor, in ein “schwarzes Loch” zu fallen,
▪   vor Veränderungen im Unternehmen,
▪   vor einem Statusverlust und
▪   vor Autoritätsverlust in der Familie.

Der Altersabbau trifft auch starke Persönlichkeiten
Bei Unternehmern handelt es sich meistens um ausgeprägte Persönlichkeiten und erfolgreiche Pioniere. Doch auch vor diesen macht der Prozess des Alterns nicht halt.

Denkmodell für die Entwicklung eines neuen Lebensentwurfes
Im Gespräch mit dem auf Lernprozesse des Gehirns spezialisierten Dozenten Dr. Michael De Boni von der Pädagogischen Hochschule Zürich bin ich auf ein interessantes Modell gestossen, das Sie dabei unterstützen kann, einen Lebensentwurf für die Zeit nach der Betriebsübergabe zu entwickeln.

Laut De Boni sollte man sich in den Jahren vor dem Rentenalter vom Blick in den Rückspiegel lösen – und sich zu einer nach vorne gerichteten Sichtweise hin entwickeln.

Was bedeutet das konkret?
Teilen Sie den Lebensabschnitt von 60 bis 90 in drei Abschnitte von jeweils zehn Jahren. Die Zeit von 60 bis 70 stellt dabei das Frühjahr dar. Das darauffolgende Jahrzehnt stellt den Sommer dar. Die Zeit von 80 bis 90 ist der Herbst.

DeBoni

Aus Sicht der Anpassungsfähigkeit ist es wichtig, die Weichen im Frühjahr zu stellen – und diesen nicht zu verpassen. Sie sollten Ihr Leben im Frühjahr neu ordnen und sich in Bezug auf Ernährung, Bewegung und Denkaktivitäten neu ausrichten. Nehmen Sie sich die Zeit und erstellen Sie sich eine Liste der Dinge, mit denen Sie sich in Zukunft gerne beschäftigen möchten.
Egal, ob Sie nochmals eine neue Sprache erlernen möchten, einen Tanzkurs besuchen wollen oder noch regelmässiger in die Oper gehen wollen, “just do it”! Zum Pläneschmieden gehört auch, dass Sie Dinge, die Sie nicht mehr tun wollen, über Bord werfen und Ballast abwerfen.
Laut DeBoni erhält die Sicht auf die Pensionierung eine völlig neue Perspektive, wenn man sich diesem Gedankenmodell stellt.