Ein Jahrhundertwerk auf drei Säulen

Vorsorgemodell

Unser Vorsorgesystem gilt weltweit als Vorzeigemodell. Doch wegen fehlender Anlageerträge und steigender Lebenserwartung droht ein finanzielles Debakel.

Autor: Josef Kopp (Sonntagszeitung 12.06.2016)

Seit 1972 ist das schweizerische Vorsorgesystem in der Bundesverfassung verankert. Das 3-Säulen- Konzept deckt die Risiken Alter, Invalidität und Todesfall ab. Die einzelnen Säulen basieren auf unterschiedlichen Finanzierungsformen. Aufgrund verschiedener Herausforderungen sind sie in den letzten Jahren teilweise in Notlage geraten. Können Reformen nicht bald umgesetzt werden, droht ein finanzielles Debakel.

Die erste Säule, die Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (AHV/IV), ist die staatliche Vorsorge. Ihre Leistungen decken nur knapp das Existenzminimum ab. Die Leistungen der staatlichen Vorsorge werden im Umlageverfahren ausgerichtet. Innerhalb der gleichen Zeitperiode werden die eingenommenen Beiträge wieder an die Rentenberechtigten ausgegeben. Ein Verfahren, das stark von der demografischen Entwicklung abhängig ist. Um Leistungsminderungen zu vermeiden, müssen die Beiträge erhöht oder zusätzliche Finanzierungsquellen angezapft werden.

Die zweite Säule, die berufliche Vorsorge, soll zusammen mit der AHV/IV die Weiterführung des gewohnten Lebensstandards ermöglichen. Gemeinsam decken diese beiden Säulen rund sechzig Prozent des bisherigen Einkommens ab, jedoch nur bis zu einem jährlichen Gehalt von maximal 84 600 Franken. In der beruflichen Vorsorge sind nur erwerbstätige Personen obligatorisch versichert. Selbstständigerwerbende können sich freiwillig anschliessen. Im Gegensatz zur ersten Säule werden die Leistungen der beruflichen Vorsorge im Kapitaldeckungsverfahren finanziert. Damit ist vorgegeben, dass die Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zusammen mit Vermögenserträgen jenes Kapital äufnen, das im Leistungsfall ausgerichtet wird.

Für die Pensionskassen wird es immer schwieriger, die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Die steigende Lebenserwartung führt zu einer längeren Auszahlungsdauer der Renten und die notwendigen Anlageerträge fehlen zusehends als wichtige Einnahmequelle. Die vom Bundesrat geplante “Altersreform 2020” soll die schweizerischen Sozialversicherungen auf eine gesunde Basis zurücklenken.

Mit einer privaten Selbstvorsorge können die Einkommenslücken aus der ersten und zweiten Säule geschlossen werden.

 

Editorial: 

Es gibt eine Lösung für unsere Altersvorsorge!

Es war eine geniale Idee, damals 1972, als das schweizerische Vorsorgesystem in der Bundesverfassung verankert wurde. Das beste der Welt, um das uns das Ausland beneidete (und es erfolglos zu kopieren versuchte). Sein Name märchenhaft schön: «drei Säulen». Das Prinzip simpel, effektiv und schon fast idealistisch: Jeder hilft jedem, damit es uns allen im Alter besser geht, der Staat mit der AHV/IV, der Arbeitgeber mit der Pensionskasse und schliesslich der Bürger selbst, der sich mit seinem Ersparten den Lebensabend noch zusätzlich versüsst.

Doch jetzt droht das Jahrhundertwerk auseinander zu brechen, zum Auslaufmodell zu werden wie der alte Eisenbahntunnel durch den Gotthard. Schuld sind nicht nur die angeschlagenen Finanzmärkte, die die Zinsen von einst 4 Prozent auf gerade noch etwas mehr als 1 Prozent in den Keller fallen liessen. Grund für das sich anbahnende finanzielle Debakel sind auch wir selbst, beziehungsweise unser Wunsch ewig, oder zumindest immer länger leben zu wollen – was wir dank modernster Medizin auch können. Die Krux dabei: Je besser es um unsere Gesundheit im Alter steht, desto schlechter geht es unserem Rentensystem.

Es braucht Reformen. Dringend. Es braucht ein neues Wunderwerk, eine Art soziale Neat. Möglich ist das allerdings nur, wenn wiederum alle zusammenspannen. Die Arbeitnehmer länger arbeiten (gesund sind sie ja), die Arbeitgeber ihren Pensionskassenanteil erhöhen und der Staat die notwendigen Rahmenbedingungen schafft. Märchenhaft wie vor vierzig Jahren. Alle Ärzte in Rente zu schicken und die Spitäler sofort zu schliessen, wäre wohl keine zukunftsgerichtete Alternative…